Interview - Bob Geldof, Rockmusiker und ruheloser Aktivist

17.05.2006 Bob Geldof, der Rockmusiker und ruhelose Aktivist, scheut die Provokation nicht. Ob man ihn liebt oder hasst, eines muss man ihm lassen: Er hat sich in den letzten zwanzig Jahren persnlich dafr eingesetzt, mchtige Lnder zum Kampf gegen die Armut in Afrika zu bewegen.



emagazine: Als Sie Ihren Feldzug begannen htten Sie sich da trumen lassen, dereinst "Mister Bloody Africa" genannt zu werden, wie Sie sich einmal selber bezeichneten?
Bob Geldof: Htte ich es gewusst, nun ja, vielleicht htte ich es dann nicht getan.

Dennoch haben Sie auch nach dem offensichtlichen Erfolg der ersten Benefiz-Single weitergemacht.
Geldof: Daran sind teilweise die Medien schuld. Sie wollten die Story warm halten und insistierten, ich solle nach thiopien reisen, um die Wirkung aus erster Hand zu erleben. Das war die Initialzndung einer mittlerweile zwanzig Jahre dauernden Reise.

Welche Lehren zogen Sie aus dieser ersten Erfahrung mit Afrika?
Geldof: Ich realisierte, dass es sinnlos war, sich mit individuellen Auswchsen von Armut Symptomen wie Hunger, Aids oder fehlende Schulbildung zu befassen. Ein Grossteil der Hilfe diente in den letzten 50 Jahren der Untersttzung von Amins und Mobutus. Der Rest wurde fr gut gemeinte Hilfeleistungen aufgewendet. Ein Tropfen auf die Drre, ein bisschen gegen Hunger und ein bisschen fr andere Bedrfnisse. Symptombekmpfung jedoch ist ziemlich ineffektiv.

Wie reagieren Sie auf jene Stimmen, die meinen, Hilfe und Schuldenerlass wrden nicht fruchten, weil Afrika so korrupt sei?
Geldof: Die haben keine Ahnung, wovon sie sprechen. Ich schon. Afrika ist kein Korruptionssumpf, sondern arm. Korruption ist eine Nebenerscheinung der Armut, wie Hungertod und Aids. Jeden Tag sterben 50000 Menschen an den Folgen von Armut. Die G8-Massnahmen bewirken immerhin, dass 13000 weniger sterben. Die Hilfe greift aber nur, wenn in diesen Lndern gut regiert wird. Hilfe sollte auch nur dahin gehen, wo Transparenz gewhrleistet ist und Buchhaltungsprozedere eingehalten werden, alles andere ist reine Zeitverschwendung.

Als Promi verfgen Sie auch ber die Mglichkeit, Leute zu beeinflussen. ngstigt Sie das?
Geldof: Ja, das tut es. Ich muss mir gut berlegen, was ich am Fernsehen oder gegenber Politikern ber Afrika sage. Da ist diese wirklich unwichtige Persnlichkeit, ich eben, mit direktem Zugang dank Berhmtheit und Wissen. Man traut mir mittlerweile zu, dass ich das Thema nach 20 Jahren kenne. Auf Grund dessen werde ich von Politikern mehr als nur geduldet. Zudem wissen deren Berater, dass ich mindestens so gut informiert bin wie sie. Dieses Zugangsprivileg darf ich nicht missbrauchen. Es ist eigentlich so, dass ich bei jedem Zugang etwas zulegen und sie erneut fr die Sache begeistern msste.

Womit motivieren Sie sich?
Geldof: Mit Musik. Das ist mein Leben. Ich weiss, dass meine aktuelle Arbeit fr Afrika wertvoll ist, aber an Konzerten zu spielen, ist geradezu kathartisch und zutiefst befriedigend.

Die Briten haben Ihnen in diesem Jahr die Auszeichnung "Outstanding Contribution to Music" verliehen. Was bedeutet dies fr Sie, im Vergleich zu anderen Ehrungen wie der "Honorary Knighthood" und den beiden Nominierungen fr den Nobelpreis?
Geldof: Es ist die beste aller Ehrungen. Das tnt vielleicht etwas rhrselig, aber es trifft den Punkt, denn Musik ist das einzig Wahre fr mich. Alles andere, was ich so unternehme, etwa Business oder Afrika, erfordert zwar physische und mentale Anstrengungen, doch ich weiss, dass ich das schaffe. Die Leute knnen in dieser Hinsicht auch Dinge ber mich schreiben, es lsst mich kalt. Wenn sie jedoch ein Konzert oder eine CD kritisieren, dann tut das weh.

Haben Sie das Gefhl, dass Ihre musikalischen Leistungen von Ihren sonstigen Aktivitten berschattet werden?
Geldof: Ich fhle es nicht nur, ich weiss es. Das ist aber nachvollziehbar. Nehmen Sie beispielsweise die Beatles nicht dass ich mich mit deren musikalischem Genie vergleichen wrde, aber nehmen wir sie als Beispiel: Sie traten in einer wichtigen Epoche der Sozialgeschichte auf. Was sie mit ihren Frisuren und Kleidern machten, wurde auch ausserhalb der Musikwelt wahrgenommen. Dadurch beeinflussten sie jene Zeit strker als durch ihre Musik. Heute erinnern sich alle an ihre Musik, doch damals waren sie wegen dem sozialen Aspekt so berhmt, nicht weil sie "She loves you, yeah, yeah, yeah" sangen.

Was bedeutet Ihnen Reichtum?
Geldof: Sehr wenig, was viele berraschen drfte. Ich bin hchst erfreut darber, dass ich finanziell gut dastehe, bilde mir aber nichts darauf ein. Ich pflege keinen sehr teuren Lebensstil, nicht weil ich knausrig bin, sondern weil ich das nicht brauche. Andererseits bin ich in rmlichen Verhltnissen in Irland aufgewachsen, und das war echt scheisse. Ich habe vier Kinder und will nie wieder arm sein.

Haben Sie sich schon Gedanken darber gemacht, wie man sich dereinst an Sie erinnern soll?
Geldof: Es ist mir vllig egal, wie man sich an mich erinnern wird. Ehrlich. Ich werde das oft gefragt. Dabei ist mir das vllig egal. Ich werde tot sein, was soll es mich also kmmern? In den Nachrufen werden sie ber einen mittelmssigen Popstar berichten, der "I Don′t Like Mondays" schrieb und Live Aid sowie Live 8 machte.

Mchten Sie lieber als Musiker oder als Politaktivist wahrgenommen werden?
Geldof: Wenn ich politisch ttig bin, mchte ich als Person wahrgenommen werden, die weiss, wovon sie spricht. Wenn ich an einem Konzert auftrete, kannst du dagegen all das Zeug vergessen. Jene Person ist dann nicht anwesend. Das ist eine sehr gute Frage, denn die Hlfte der Zeit wollen die Politiker, dass ich das Album ihrer Tochter signiere, und die Hlfte der Zeit will das Konzertpublikum, dass ich ber jene Dinge spreche, fr die es sich gemeinsam mit mir engagiert. Es fllt ihnen also schwer, die beiden Ebenen auseinander zu halten, whrend dies fr mich berhaupt kein Problem ist.

Es scheint fr Sie auch kein Problem zu sein, die Leute dazu zu bringen, Ihnen zuzuhren.
Geldof: Das hat damit zu tun, dass ich Ire bin. Ich habe die Gabe der Rhetorik. Aber eigentlich ist dies ein Fluch. Ich habe eine spezielle Art, ber diese Dinge zu sprechen, und das motiviert die Leute dazu, zuzuhren.

Ich denke, das hat mit Ihrer Leidenschaft zu tun.
Geldof: Oh, tatschlich? (lacht)

Ja. Sie haben im Verlauf der Jahre einiges an Kritik einstecken mssen und haben trotzdem nicht aufgegeben. Sie verfgen ber jene dicke Haut, die Politiker brauchen.
Geldof: Als Junge habe ich mir gewnscht, Journalist oder Politiker zu werden. Heute denke ich, dass der Job eines Politikers eine wirklich furchtbare Aufgabe ist, weil die Erwartungen der ffentlichkeit schlicht zu hoch sind. Ich behaupte, dass es kontraproduktiv ist, den Leuten, die wir whlen, so viel Arbeit aufzubrden und ihnen nicht gengend Zeit zu lassen, diese grndlich zu erledigen. Am Anfang des 21. Jahrhunderts pldiere ich dafr, dass unsere fhrenden Politiker sich auf das Wesentliche konzentrieren: analysieren, sich Zeit nehmen, lesen, sich informieren und echte Massnahmen ergreifen.

Sind Sie ein Visionr?
Geldof: Ich bin kein Visionr, aber die Leute sehen mich flschlicherweise als solchen. Ich bin auch kein Idealist. Ich bin ein Pragmatiker. Wir mssen unsere Probleme jetzt angehen, denn dies entscheidet ber unsere Zukunft. Ich mache mir keine Vorstellung darber, wie die Welt in 50 Jahren aussehen wird. Das ist absurd und von einem Business-Standpunkt aus gesehen schlicht lcherlich.

Analysten wrden Ihnen widersprechen.
Geldof: Mag sein. Aber als ich ein Kind war, sagten sie voraus, dass wir heute alle mit Miniraketen herumdsen wrden. Schauen Sie sich um. Es ist nicht eingetroffen. Die Gesellschaft entwickelt sich in sehr eigenartiger Weise. Wer htte geglaubt, dass der junge Bob Geldof, der sich weigerte, in die Schule zu gehen, einst mit Prsidenten zusammentreffen und Musikhits produzieren wrde? Wir versuchen mit allen Mitteln, Parameter zu erarbeiten, mit welchen die Welt funktionieren kann, und wir mssen dabei die gegebenen elastischen Kriterien einbeziehen, wie etwa die Menschheit. Doch lassen Sie mich auf Live Aid zurckkommen. Live Aid war der lebendige Beweis fr das Aufkommen eines globalen Mediums. Doch zu jener Zeit konnte niemand ahnen, dass sich innerhalb von zwei Jahren eine flchendeckende Computerisierung einstellen wrde die Grundlage fr das vllig unerwartete Phnomen der Globalisierung.

Was halten Sie von der Globalisierung?
Geldof: Ich frage mich, warum die ganze Welt im Zuge der Globalisierung wirtschaftlich vorangekommen ist ausser in einem Kontinent. Um dies zu verstehen, mssen wir uns darber klar werden, welche Auswirkungen die Globalisierung auf unsere Welt hat. Es ist offensichtlich, dass wir das ganze Ausmass nicht begriffen haben, doch jene, die reich genug sind, knnen tchtig absahnen. Die Armen knnen das nicht. Die Kaffeeanbauer in thiopien zum Beispiel wissen nicht, was Globalisierung ist, doch sie gehen daran zugrunde. Und zwar deshalb, weil Lnder wie Indonesien und Vietnam in den Kaffeemarkt eingedrungen sind, mit hochwertigem Kaffee, und den Preis um 50 Prozent gedrckt haben. Die thiopischen Bauern zum Beispiel haben nicht genug Geld, um Essen zu kaufen, und verhungern wieder in diesem Teil der Erde. Das ist ungerecht. Es wird immer Menschen geben, die fr ein besseres Leben auf Untersttzung angewiesen sind. Es wird immer Arbeitslose geben, die ihre natrlichen Talente nicht entfalten knnen, doch jeder Einzelne hat das Recht auf ein gewisses Mass an Wohlergehen. Dies ist heute mit der Globalisierung mglich: Wir sind wohlhabend genug, um uns ein globales Wohlfahrtssystem zu leisten.

Sie haben zwar gesagt, Sie seien kein Visionr. Dennoch die Frage: Wo sehen Sie Afrika im globalen Kontext in 50 Jahren?
Geldof: Ich glaube, dass Afrika ein sehr gesunder Kontinent sein kann. Ich wnschte, ich wre in 50 Jahren noch am Leben, um Afrika als neue, dynamische Wirtschaftsmacht erleben zu knnen. Dies ist meiner Ansicht nach unausweichlich, denn Afrika hat den komparativen Vorteil der Armut und verfgt deshalb ber all jene Voraussetzungen, die der konom Adam Smith als den Motor einer marktwirtschaftlichen Gesellschaft bezeichnete.






( 2006-05-22 - Quelle: emagazine.credit-suisse.com )
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