"Ich ertrage die Pornografie der Armut nicht" - Interview

Mit seinem Engagement für die Armen der Welt hat er es zum Adelstitel gebracht. Für seine Musik ist er fast vergessen. Am Freitag erhielt er den europäischen Medienpreis. Auf WELT ONLINE spricht der Sänger über seine Begegnung mit Merkel und seine Wut über die Armut in Afrika.

Der Musiker und Gründer der Live-Aid-Konzerte, Bob Geldof, ist für sein Engagement und humanitäre Hilfe mit dem Preis der europäischen Presse ausgezeichnet worden. Der 52-jährige irische Sänger bekam den M100-Sanccouci-Medienpreis am Freitagabend in Potsdam vom Chefredakteur der Wochenzeitung "Die Zeit", Giovanni di Lorenzo, überreicht. Die undotierte Auszeichnung des europäischen M100-Medientreffens ist in diesem Jahr zum dritten Mal vergeben worden.

Di Lorenzo hob Geldofs persönlichen Einsatz für Frieden, humanitäre Hilfe und den Kampf gegen Armut in Afrika hervor. Der Musiker sei ein guter Mensch im besten Sinne, sagte er in seiner Laudatio.
Geldof selbst lobte Bundeskanzlerin Angela Merkel für die vor dem G-8-Gipfel in Heiligendamm angekündigte Erhöhung der deutschen Entwicklungshilfe. Er beklagte aber, es sei Merkel nicht gelungen, die anderen G-8-Staaten zu ähnlichen Schritten zu bewegen. Zudem kritisierte der Sänger, in westlichen Ländern werde wenig über Afrika berichtet. In den örtlichen Medien könnten die Probleme dagegen wegen nicht vorhandener Pressefreiheit oft nicht aufgegriffen werden. Auf WELT ONLINE erklärt der Musiker, was ihn antreibt.

WELT ONLINE: Was ist wichtiger: Idealismus oder Macht?

Bob Geldof: Oh Gott (denkt lange nach). Wichtiger für Veränderungen ist die Macht. Und um die Mächtigen zu Veränderungen zu bringen, braucht es Idealismus.

WELT ONLINE: Wie steht es um die Mischung bei Ihnen?

Geldof: Ich habe überhaupt keine Macht. Ich bin zutiefst misstrauisch gegenüber all denen, die nach der Macht streben, irgendwie ist das pathologisch. Ich kann aber auch Politiker nicht ausstehen, die keine Macht wollen. Was soll das? Sie sind da, um etwas zu tun, sie haben einen Auftrag. Ich habe Leute getroffen, die konnten nicht gut mit der Macht umgehen, und solche, die zu blutrünstig waren, was auch wieder gefährlich ist. Wer Macht hat, muss sie begreifen und zugleich respektieren, das wäre der Idealfall.

WELT ONLINE: Vertragen sich Visionen mit Politik?

Geldof: (denkt sehr lange nach) Visionen überzeugen mich nie. Idealismus will den idealen Zustand, Politik ist die Kunst des Möglichen. Zwei Klischees in einem Satz, das ist schlecht. In unserer Medienwelt geht es darum, die Wählerschaft zu inspirieren. Und die Wähler wissen, dass da viel Rhetorik im Spiel ist. Wir sind sehr römisch geworden. Clinton ist ein gutes Beispiel. Er ist nach seiner Präsidentschaft ein besserer Redner. Schon als Präsident war er gut. Auf dem Weg zur Macht muss man Rücksichtslosigkeit an den Tag legen, da war Clinton sogar für eine Hinrichtung. Die Menschen vergessen das später, aber er musste diesen Tribut leisten, um zu zeigen, dass er stark war. Wenn in solchen Momenten Politiker visionär werden, dann nicht wegen des Landes, wegen Amerika oder Deutschland, sondern sie entwerfen Visionen über sich selbst. Sind sie dann an der Macht, wollen wir keine Visionäre oder Idealisten, sondern Manager.

WELT ONLINE: Sie klingen ja wie ein Politikwissenschaftler.

Geldof: Wieso? Gut, ich habe viele Politiker getroffen. Ja, ich bin ein Experte, seit über 20 Jahren beschäftige ich mich mit diesen Fragen. Wenn ich Politiker mag, komme ich mit ihnen klar. Sie sind die Avatare des Wandels. Ich verhandle mit ihnen. Viele Künstler sind überzeugt, das nicht zu können. Ich kann das verstehen. Aber Macht ist nun einmal die Eintrittspforte zum Einfluss. Einige Politiker mag ich, sie sind meine Freunde geworden. Aber niemals würde ich selbst Politiker werden wollen. Ich würde es nicht genießen können.

WELT ONLINE: Sie fusionierten Pop und Politik mit Ihrer "Life Aid"-Veranstaltung Mitte der 80er-Jahre, Ihnen gelang es, weltweit Aufmerksamkeit zu erzeugen. Ein kostbares Gut, aber es schwindet schnell. Geht es Afrika heute wirklich besser?

Geldof: Ja, wir sind an einem Wendepunkt angelangt. In den 60ern waren Asien und Afrika gleichauf, und eigentlich glaubte man, Afrika würde durchstarten. Tat es aber nicht. Warum? Weil es nicht diversifizierte.

WELT ONLINE: Wir neigen zu Vereinfachungen: Afrika ist kein dunkler Kontinent, sondern besteht aus 53 unterschiedlichen Nationen.

Geldof: Die Globalisierung ist ein Phänomen. China und Indien katapultieren ihre Menschen aus der Armut, in Mexiko und Brasilien geschieht Ähnliches, in Nigeria und Südafrika auch. Ressourcenländer, die nun angesichts unserer Ressourcenjagd in anderem Licht erscheinen. Seit so vielen Jahren reden wir von dieser Chance, und nun ist sie da. Wollen wir das alles den Chinesen überlassen? Einem rein merkantilen Land, ohne Agenda? Will Deutschland sich das gefallen lassen? Von China überholt zu werden im Export ist das eine. Aber die Deutschen sind Wettbewerber mit Maß und Qualität, die Chinesen nur im niedrigen Preis. Afrika ist nur zwölf Kilometer von Europa entfernt. Und immer nur wird es unter Entwicklungshilfegesichtspunkten betrachtet. Ich kann das nicht verstehen: Schaut doch endlich auf Märkte.

WELT ONLINE: Money makes the world go round, aber manchmal eben nicht, wenn man mit korrupten Staaten, mit gescheiterten Staaten zu tun hat, wie so oft in Afrika. Da ist Nothilfe nobel, aber es reicht nicht für langfristige wirkliche Entwicklung.

Geldof: Money makes the economic world go round. Warum haben wir Afrika außen vor gelassen und es nicht eingebunden in die neuen globalen Strukturen? Warum kann ein ressourcenreicher Kontinent wie Afrika nicht von unserem internationalen Handel profitieren? Ich kann das nicht verstehen. Es ist eine Schande. Ich kann mir den Mund fusslig reden. Und dann kommen immer wieder diese Bilder von weinenden Frauen, Hunger und sterbenden Kindern über die Medien. Das ist doch furchtbar. Es geht doch um unsere ureigensten Interessen, um unsere direkten Nachbarn. China räumt ab und wir nicht.

WELT ONLINE: Sie sind seit 20 Jahren mit Afrika verbunden, Sie werden jetzt hoffentlich nicht zum Klima-Apokalyptiker, oder?

Geldof: Nein, nein, nein. Ich habe keine Wahl.

WELT ONLINE: Hat es, wie bei Bono von U2, etwas mit Ihrem Irischsein zu tun? Schließlich hat es auch hier lange gedauert, bis die Hunger- und Terrorismusinsel durch die EU, durch wirtschaftliche Prosperität, zu einem Eiland der Seligen wurde?

Geldof: Das ist möglich. Aber wohin führt uns das? Sagen wir so: Ich habe mich eben lange mit Afrika beschäftigt. Es ist lächerlich, aber ich bin ein Experte. Als Kind interessierte mich Sport nicht sehr, mich zog es zur Musik und zur Politik. Popmusik artikulierte den Wunsch nach Veränderung in meinem Leben: Ob Mick Jagger, John Lennon, Bob Dylan, sie standen dafür. Ich mochte die Vorurteile des damaligen Lebens einfach nicht, dieses: Der trägt einen roten Bart, oh je, oder Manchester United muss besser sein als Bayern München. Das war wie Apartheid, nicht fair, nicht frei. Schon mit 13 wurde ich Anti-Apartheid-Aktivist. Damals war Afrika nicht wichtig, es war geradezu lächerlich. Dann sah ich 1984 einen BBC-Bericht über Hunger. Und wusste: Wir in der EU haben Überschüsse, die wir vernichten, während dort die Menschen des Hungers sterben. Lächerlich!

WELT ONLINE: Das ist gegen den gesunden Menschenverstand.

Geldof: Ja, intellektuell absurd, moralisch empörend und ökonomisch ein Ausdruck von Analphabetentum. Ich habe ein Lied gesungen, das Instrument, das ich habe. Und ich wurde zum Thema. Das ist das Problem mit den Medien. Sie machen dich zum Helden, und der Hunger wird Nebensache. An einem bestimmten Punkt entsteht ein Wirrwarr zwischen Pop und Politik: Geht es um die Sache, Stars oder Politiker, die sich immer mehr als Berühmtheit inszenieren? Ich habe keine Ahnung, wie Frau Adenauer aussah. Aber wer Herr Merkel ist, das weiß sogar ich. Wir wollen alles wissen, über die Kinder, die Frauen. Kennedy fing damit an, mit seiner glamourösen Frau. Oder schauen Sie auf die Sarkozys: eine Seifenoper. Politiker sind Berühmtheiten geworden.

WELT ONLINE: Ist das so schlimm?

Geldof: Margaret Thatcher ließ mich manchmal nachts anrufen. Dann kam ich zu ihr. Sie konnte nicht schlafen. Also tranken wir Whiskey. Sie war intellektuell ansprechbar, sie wollte reden.

WELT ONLINE: Politiker suchen Gespräche, ja und? Das kannten schon die Römer und Griechen. Sie sagten: „Ich mag Angela Merkel.“

Geldof: Ich mag sie. Sie ist sehr warmherzig, so weit ich sie kenne. Wie ein Mädchen. Ich meine das ernst. Charmant, feminin. Sie setzt das nicht ein, das würde man merken: dieses An- und Abschalten. Nein.

WELT ONLINE: Was macht Merkels Macht aus?

Geldof: Deutschland ist wichtig, ist mächtig. Sie ist unglaublich fähig. Sehr fähig. Nicht als Person, sondern in ihrer Funktion. Sie ist ehrlich und sie hört Argumenten zu. Ja, sie hört zu. Man kann sie argumentativ überzeugen. Sie würde das nicht sofort hinausposaunen. Aber es arbeitet in ihr. Ich spreche von ihr als Regierungschefin. Sie hat uns nach Heiligendamm eingeladen und eine geschlagene Stunde mit uns geredet, und sie hatte wirklich viel um die Ohren zu dieser Zeit. Wir waren enttäuscht vom Ergebnis, aber sie hat uns nie angelogen, sie war ehrlich. Das mag ich.

WELT ONLINE: Haben Sie je Zweifel empfunden, so wie Mutter Teresa, die vor zehn Jahren starb?

Geldof: Ich kannte sie, und ich habe auch mit ihr den einen oder anderen Whiskey gekippt (wir lachen). Sie war eine Frau des späten 20. Jahrhunderts und kannte die Medien. Vergessen Sie den Schleier und all das! Vergessen Sie Bono und seine riesigen Sonnenbrillengläser, über die man sich amüsiert. Aber dahinter stecken ernste, kluge Menschen. Sehr stark, unabhängig, bewusst, artikuliert. Ich traf Mutter Teresa einmal in Addis Abeba während der kommunistischen Zeit. Sie sprach, die Kameras surrten, alles wurde dokumentiert, und die Machthaber hatten keine Chance, dies zu verhindern. Sie sagte: "Ach, da vorne steht eine schöne Villa. Die hätte ich gerne für ein Kinderheim." Sie war eine Maschine, eine Industrie, eine Marke. Ihre Füße, vollkommen verkorkst, ineinander verharkt, nie vergesse ich das. "Ich sehe das Leiden Christi", sagte sie, und ich sagte: "Nein, das ist nicht Gott. Das ist von Menschen gemacht."

WELT ONLINE: Das waren Teresas Zweifel.

Geldof: "Ich muss weitermachen", sagte sie dann. Sie war so interessant. Keine Heilige.

WELT ONLINE: "Make the world a better place" – "Die Welt zu einem besseren Ort machen". Ist das Pop oder Politik?

Geldof: Das ist Mist. Ein mistiges Lied, wenn es überhaupt eines ist. Alles, was man tut, das Kleinste, jede Geste, ist gut. Täglich, millionenfach. Immer wieder. Von Anbeginn an. Wir sind nicht gerade großartig, wir Menschen. Wir sind seltsame Tiere. Wir könnten so viel tun. Und warum tun wir es dann nicht? Diese verrückte Kreativität, dieses Universum, das in jedem von uns ist. Armut ist doch eine Verleugnung all der Potenziale, die in uns schlummern. Millionen Menschen sterben des Hungers, wir verlieren für immer deren Genius, deren Esprit. Das ist kein humanitäres Gewäsch. Das ist so pragmatisch, ja utilitaristisch. Ich ertrage die Pornografie der Armut einfach nicht. Nie und nimmer.

WELT ONLINE: Das Zitat stammt übrigens von George W. Bush.

( 2007-09-09 - Quelle: www.welt.de )
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