Interview - Ein Jahr danach: "Es ging nie um die Show"

Interview - Ein Jahr danach: Ein Jahr nach Live Aid spricht Initiator Bob Geldof wieder über die Armen der Welt - und über Angela Merkel

von Das Gespräch führte Inga Michler

Der irische Rockstar Bob Geldof organisierte 1985 die erfolgreichste Benefizaktion aller Zeiten: Zwei Milliarden Fernsehzuschauer in aller Welt verfolgten die Live-Aid-Konzerte, mit denen er rund 120 Millionen Euro für Afrika sammelte. Vor einem Jahr gab es eine Neuauflage. In neun Weltstädten traten Künstler wie Madonna, Robbie Williams, Herbert Grönemeyer und die Toten Hosen auf, um mehr Hilfen der Industrieländer für die Armen anzumahnen. Auf ihrem anschließenden Treffen in Gleneagels beschlossen die Chefs der führenden Industrienationen (G-8) einen Schuldenerlaß für die 18 ärmsten Länder der Erde sowie die Verdoppelung der Entwicklungshilfe bis 2010. Passiert ist seither wenig.

Welt am Sonntag: Mister Geldof, war Live Aid mehr als eine Show?

Bob Geldof: Es ging nie um die Show, sondern nur um das politische Instrument. Und damit haben wir enorm viel erreicht.

In Ihrem eigenen Data Report haben Sie ein Jahr nach den G-8-Versprechen allerdings eine ernüchternde Zwischenbilanz gezogen.

Geldof: Ich finde es nicht ernüchternd, daß 3,8 Millionen Menschen in Tansania dank Live Aid zu essen haben. Ich finde es nicht ernüchternd, daß ganz Sambia ein kostenfreies Gesundheitswesen hat. Und ich finde es auch nicht ernüchternd, daß Uganda an 98 Prozent seiner Schulkinder täglich freie Mahlzeiten abgeben kann.

Sie finden sich also damit ab, daß viele Industriestaaten die Entwicklungshilfe entgegen ihrer Beteuerungen nicht erhöht haben?

Geldof: Immerhin haben wir in Gleneagels 20 der ärmsten Länder der Welt aus der Schuldensklaverei befreit. In den nächsten 18 Monaten werden weitere 18 dazukommen. Natürlich müssen wir jetzt Druck machen, damit die Industriestaaten ihre Versprechen halten. Sie müssen wissen: Wer die Versprechen an die Armen bricht, bringt Menschen um. Das dürfen wir unseren Regierungen nicht erlauben.

Sie und U2-Sänger Bono haben Angela Merkel viel Vorschußlob gegeben. Nun stagniert auch hierzulande die Entwicklungshilfe. Sind Sie enttäuscht von der Kanzlerin?

Geldof: Das waren keine Vorschußlorbeeren. Wir waren nur sehr froh darüber, daß sie sich mehrfach öffentlich zu den Versprechen von Gleneagels bekannt hat. Und wir sind überzeugt, daß sie diese Versprechen halten wird. Deutschland ist ein sehr verläßliches Land.

Aber bisher geht es offensichtlich nicht in diese Richtung.

Geldof: Wir wissen, daß Deutschland wirtschaftliche Probleme hat. Aber als Schröder den Vertrag unterzeichnete, hat er ein Versprechen im Namen seines Volkes gemacht. Jetzt sind Sie in der Pflicht.

Im kommenden Jahr wird Deutschland den Vorsitz der supranationalen Vereinigung G-8 übernehmen. Welche Hoffnungen haben Sie?

Geldof: Ich hoffe, die Deutschen erfüllen Teile des Klischees. Wir brauchen jetzt Technokraten, die uns Wege zeigen, die Beschlüsse die gefällt wurden, auch umzusetzen.

Sie wünschen sich eine deutsche Führungsrolle?

Geldof: In der Frage des Schuldenerlasses hatte Deutschland ja bereits eine führende Rolle. Die Frage der Hilfe muß jetzt angepackt werden. Und dafür haben Sie genau die richtigen Leute: Präsident Horst Köhler kennt sich aus in Afrika. Und auch Heidemarie (Bundesentwicklungsministerin Wieczorek-Zeul a. d. R.) engagiert sich leidenschaftlich für den Kontinent.

Was sagen Sie Kritikern, die Entwicklungshilfe als zwecklos oder gar schädlich ablehnen?

Geldof: Sie haben verdammt unrecht. Hilfe hilft, sehr viel sogar. Das kann man jeden Tag und überall in Afrika sehen. Mosambik zum Beispiel, ein inzwischen friedvolles und demokratisches Land, hat noch immer ein Wirtschaftswachstum von rund zehn Prozent. In den 90er Jahren waren es sogar zwölf Prozent. Die Grundlage dafür hat Entwicklungshilfe gelegt, die rund die Hälfte des gesamten staatlichen Haushalts ausmachte. Und die wurde klug verwendet, für die Infrastruktur, Produktionskapazitäten, Schulen und so weiter.

Fürchten Sie einen Rückschlag für den afrikanischen Kontinent, falls die Welthandelsrunde von Doha scheitern sollte?

Geldof: Das ist schon längst keine Entwicklungsrunde mehr. Für Afrika gibt es da nicht mehr viel zu holen. Wir dagegen, die reichen Länder, haben einiges zu verlieren. Wir würden in einen neuen Protektionismus abgleiten, und das wünsche ich mir nicht.

Fühlen Sie sich eigentlich noch als Rockstar oder schon als Politiker?

Geldof: Darum geht es doch gar nicht. Ich bin wie ich bin. Ich mache Politik für meinen Kopf, Musik für meine Seele, Geschäfte für meinen Magen, und ich habe meine Familie für mein Herz.

Manche Musiker-Kollegen werfen Ihnen vor, Sie ließen sich von den Politikern für publikumswirksame Fotos instrumentalisieren.

Geldof: Das ist mir total egal. Es ist doch ganz einfach: Einige entscheiden sich dafür, außerhalb des Zeltes zu stehen und hineinzupinkeln. Andere stehen drinnen und pinkeln heraus. Ich ziehe es vor, im Zelt zu sein und hineinzupinkeln - so lange, bis ich gebeten werde, zu gehen. Dann gehe ich. Aber nur, wenn meine Bedingungen erfüllt sind.

( 2006-07-05 - Quelle: www.wams.de )
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