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Bob Geldof

»In der Schule wurde ich fast jeden Tag geschlagen. Auch mein Vater prügelte mich. Ich lernte, dass Autorität nichts bedeutet«

Huuuuuuuu. Huuuuuu. So klangen die Nebelhörner der Schiffe, wenn sie die Küste vor Dublin hochfuhren. Fast jeden Abend lag ich auf dem Bett und sah an die Zimmerdecke, wo der Lichtkegel des Leuchtturms vorbeistrich. Huuuuuuuu. Whuuuuuu. Das war für mich ein Klang des Abschieds. Vielleicht, weil das Geräusch sich immer zu entfernen schien. Vielleicht aber auch, weil ich mir nichts sehnlicher wünschte, als einfach aus der Enge meines Zimmers zu verschwinden.



Meine Mutter starb, als ich sechs Jahre alt war. Ich habe damals nicht begriffen, was geschah. Ich weinte, weil mein Vater weinte. Ich hatte ihn nie zuvor weinen gesehen. Ich dachte wohl, dass man auch von mir erwartet, dass ich weine.

Mein Vater war Handelsvertreter. Er reiste kreuz und quer durch Irland und verkaufte Handtücher. Er verschwand jeden Montag und kam am Freitagabend zurück. Er war einfach nicht da. Meine beiden Schwestern waren da, aber ich habe sie kaum wahrgenommen. Ich blieb mir selbst überlassen. Nur am Wochenende musste ich mein Zimmer mit meinem Vater teilen. Ich hatte ein riesiges Why?-Poster mit einer Atombombe an der Wand hängen. Ich war ein existenzialistischer Teenager. Er dagegen kniete abends vor dem Bett und sprach sein Gebet.

Vater gab mir Geld für das Schulessen, aber das schmeckte mir nicht. Also behielt ich das Geld und kaufte mir fish & chips davon. Natürlich wurde das Schulessen weiterhin für mich hingestellt. Eines Tages kam eine Rechnung von der Schule. Also sagte mein Vater, ich hätte gestohlen. Mir kam es nicht wie Diebstahl vor, ich hatte mir von dem Geld ja etwas zu essen gekauft. Mein Vater flippte aus und verprügelte mich. Ich erkannte an diesem Punkt: Autorität bedeutet nichts. Sie gewährt keine Gerechtigkeit.

Von da an tat ich absolut nichts mehr in der Schule. Ich kam nach Hause, wenn es schon dunkel war. Unser Haus war kalt. Ein großes, altes Haus. Ich musste in den Keller und mit einem Eimer Kohlen holen, um das Feuer im Ofen anzuzünden. Dann hörte ich Radio Luxemburg, las ein Buch und tat ansonsten nichts.

Die Musik veränderte sich damals radikal. Meine mittlere Schwester nahm mich mit zu Konzerten in einem alten Kino in Dublin. Ich schlich mich beim Soundcheck der Stones rein. Ich traf die Beatles. Ich habe immer noch das Autogramm von Bob Dylan auf einem Bonbonpapier. Dylan proklamierte einen kompletten sozialen Wandel. Unser kleiner Familienstreit spiegelte genau das wider. Ich wollte niemals werden wie mein Vater. Er hatte mir nicht das Geringste zu sagen. Alles, was ich las oder im Radio hörte, sprach von meiner Welt. Er nicht.

In der Schule wurde ich beinah jeden Tag geschlagen. Der Pfarrer schlug uns mit dem Rohrstock in die Handfläche. Das entwickelte sich zu einer Art Ehrenabzeichen. Natürlich war ich eine Nervensäge. Ich war nicht laut, aber ich stellte lästige Fragen. Laufend wurde ich rausgeschickt und musste auf dem Flur herumstehen. Jeden Freitag und Samstag bekamen wir Zensuren. Die Noten wurden in ein Zensurenbuch eingetragen. Meine waren meist nicht gut.

Mein Vater war verzweifelt. Er bezahlte für meinen Unterricht. Wenn ich schlechte Noten nach Hause brachte, schlug auch er mich. Am Samstag hatten wir dieses Ritual: Für eine Sechs gab es vier Schläge, für eine Fünf drei Schläge, für eine Vier zwei Schläge. So schlug mein Vater mich jeden Samstag nach der Partitur meines Notenbuchs. Er hatte seine Frau verloren, und er hatte absolut kein Geld. Bei uns gab es keinen Kühlschrank, keinen Fernseher, nichts. Die gesamte Hoffnung der Familie lag auf dem Jungen. Der Junge musste eine Ausbildung haben. Die Mädchen würden heiraten. Und der Junge scherte sich einen Dreck darum.

Ich sah ihn einfach an und verachtete ihn. Die Beziehung zwischen diesem Mann und seinem Sohn existierte nicht mehr.

Irgendwann besorgte ich mir aus dem Materiallager der Schule ein leeres Zensurenbuch, schrieb mir die besten Noten rein und bat einen Freund, sie zu unterschreiben. Ein halbes Jahr lang glaubte mein Vater, seine Methode funktionierte und ich würde mich prächtig entwickeln. Eines Tages klingelte das Telefon. Es war der Schulleiter. Als mein Vater auflegte, war er weiß vor Wut. Er schlug mich sofort ins Gesicht. Erst war ich ein Dieb, nun ein Lügner. Ich erhob meine Fäuste und sagte: »Wenn du mich noch einmal schlägst…« Da hielt er plötzlich inne. Er begriff, dass jetzt ein Mann zu ihm sprach. Und er begann zu weinen. Aber er konnte nicht mit mir sprechen. Er wusste überhaupt nicht, auf welchem Planeten ich lebte. Er versuchte mich zu umarmen. Ich sagte: »Fuck off!« Schob ihn weg und ging raus.

Heute sehe ich diese Geschichte anders. Mein Vater war kein Scheusal, er war ein Produkt seiner Zeit. Er ist in den zwanziger Jahren aufgewachsen. Seine Methoden waren die seiner Zeit und meine waren die meiner Zeit. Mein Vater ist ein unglaublich starker Mensch. Er ist jetzt 92 Jahre alt. Vor kurzem ist er allein mit dem Auto von Dublin nach Oslo gefahren. Ein großartiger Typ. Hätte ich sein Leben gelebt, wäre ich zerbrochen.

Erst später in meinem Leben habe ich gelernt, was es bedeutet, für die Rechte eines Vaters zu kämpfen. Jeder sagt, die Familie sei das Wichtigste im Leben. Für mich steht das außer Frage. Ich habe als Kind die Einsamkeit kennen gelernt. Ich hatte niemals eine Familie. Ich wollte eine.

Ich bin nicht gerade ein ausgelassener Typ, sondern eher ein schwieriger Mensch. In meinem Leben gab es vielleicht drei wichtige Frauen, wenn ich meine erste Freundin mitzähle. Als ich nach England ging, lernte ich diese überwältigend schöne Frau kennen. Paula. Sie hatte eine mindestens ebenso schwierige Kindheit wie ich. Wir wussten es beide nicht voneinander. Wir waren verzweifelt auf der Suche nach einem Gefühl von Heimat. Paula und ich hatten Kinder. Dann verliebte sie sich in einen anderen Mann und verließ mich. Und wieder hatte ich keine Heimat mehr.

Ich bestand nur noch aus Schmerz und Leere. Ich glaubte, den Lärm der Kinder noch in unserem leeren Haus zu hören, als sie längst weg waren. Etwa so, als wenn man ein Bein verliert, und es tut trotzdem noch weh. Phantomschmerz. Ich hörte ihre Schritte, ihre Stimmen, ich hörte, wie sie sich im Schlaf umdrehten, und ging in ihre Zimmer, um zu sehen, ob alles in Ordnung war.

Ich hatte also meine Frau und meine Kinder verloren. Ich verstand vielleicht noch intellektuell, dass meine Frau mich nicht mehr liebte. Das war schwer, aber ich musste damit leben. Aber warum meine Kinder? Warum durfte ich sie nicht mehr jeden Tag sehen? Mein Widerstand richtete sich nicht gegen Paula. Er richtete sich gegen das Gesetz.

Die Gesellschaft bewegt sich sehr schnell vorwärts, und die Gesetzgebung hinkt der Wirklichkeit naturgemäß hinterher. Ein Mann liebt seine Kinder genauso wie eine Frau. Vielleicht drückt er es anders aus. Vielleicht erkennt die Gesellschaft das noch nicht an. Er liebt sie trotzdem.

Ich wollte bei meinen Kindern sein. Ich liebe sie. In ihnen steckt das Beste von uns. Ich habe mich selbst erzogen. Ich bin geschäfts- und gesellschaftsfähig. Ich bin in der Lage, Kinder großzuziehen. Ein Mann ist dazu genauso in der Lage wie eine Frau. Es gibt nicht einen einzigen Beweis oder auch nur eine Studie, die das Gegenteil behauptet. Es gibt keinen psychologischen Unterschied. Es gibt keinen gefühlsmäßigen Unterschied. Diese Vorstellungen kommen aus einer Zeit, als Männer morgens um sechs zur Arbeit gingen und die Frauen zu Hause blieben. Das hat sich geändert. Wir haben uns verändert. Die Gesetze haben sich dieser Realität nicht angepasst. Aber wir sind nahe dran, wir haben es beinahe erreicht.

Wenn du meine Geschichte kennst – und die meiner Frau –, kannst du dir vorstellen, wie ich nach Hause eile, um immer für meine Kinder da zu sein, für sie zu kochen, sie zu Bett zu bringen. Warum muss man alles zerstören, wenn ein Partner nicht mehr will? Ich habe es damals nicht verstanden. Ich verstehe es bis heute nicht. Und ich werde kämpfen, bis sich das ändert. Bis Väter und Mütter beim Sorgerecht für ihre Kinder endlich gleich behandelt werden. Das ist mein Traum.

Bob Geldof, 54, geboren in Irland, war Sänger der Boomtown Rats. 1985 initiierte er das Festival Live Aid, um auf den Hunger in Afrika aufmerksam zu machen; voriges Jahr organisierte er deshalb wieder Konzerte. Hier träumt er davon, dass Väter und Mütter beim Sorgerecht gleichberechtigt sind; in England wird dieses meist – wie in Deutschland – der Mutter zugesprochen. Geldof hat lange um seine drei Kinder gekämpft, deren Mutter, die Fernsehmoderatorin Paula Yates, vor sechs Jahren an Drogen starb. Seitdem leben die Kinder beim Vater in London. Am 12. März wird Geldof in Berlin bei der Verleihung des Deutschen Musikpreises Echo mit einem Sonderpreis geehrt.

Aufgezeichnet von Ralph Geisenhanslüke


© DIE ZEIT 09.03.2006 Nr.11
www.zeit.de



Ein Grauen von unermesslichem Ausmaß
Bob Geldof engagiert sich in Äthiopien

Sendung vom 28. Mai 2003 (mdr Brisant)

Rund 20 Jahre nach seinem legendären "Band AID" - Konzert für hungernde Menschen ist der irische Musiker Bob Geldof nach Äthiopien zurückgekehrt. Bob Geldof will als UNICEF-Botschafter auf die erneute dürrebedingte Hungersnot, auf Armut und Aids in dem Land aufmerksam machen.

Harsche Kritik an Brüssel
Der Popstar wurde von der Regierung des Landes am Horn von Afrika wie ein Staatsmann empfangen. Geldof nutzte den offiziellen Auftakt seiner fünftägigen Tour zu harscher Kritik an Brüssel. "Die Krise ist entstanden durch ausbleibende Lebensmittellieferungen der Europäischen Union. Immer wurde nur pathetisch dahergeredet. Ich dachte, wir hätten vor 20 Jahren gelernt, damit umzugehen. Aufgrund der augenscheinlichen Unfähigkeit Europas, entsprechend zu helfen, erleben wir eine ähnlich verheerende Situation. In einigen Wochen werden fünf Millionen Menschen bedroht sein", so Geldof. Die EU-Staaten müssten Lebensmittel spenden, damit sich die Tragödie von 1984 nicht wiederholt.

Die Menschen brauchen ein Wunder
Vor knapp 20 Jahren gelang Geldof mit dem "Band Aid" - Projekt schon einmal ein kleines Wunder. Beim "Live AID" - Konzert in London und durch Plattenverkäufe kamen Millionen für die Opfer der Hungersnot zusammen. Die Menschen in einem der ärmsten Länder der Welt brauchen heute wieder ein Wunder.

Quelle: www.mdr.de
TAGESSPIEGELINTERVIEW MIT BOB GELDOF
(Quelle: www.wirbelwind.de)

"Ich bin so eine Art Bruder Teresa"

Erst war er ein Rock 'n' Roller , dann schrieb Bob Geldof Zeitgeschichte. Doch was hat ihn am meisten bewegt? Der Tod seiner Ex-Frau - und der Kampf um seine Kinder.

Zuerst sang er "I Don't Like Mondays", dann organisierte er "Live-Aid", das größte Benefizkonzert der Pop-Geschichte: Bob Geldof, 48, war als Gründer der New-Wave-Band "The Boomtown Rats", bis er 1985 zeitgleich in London und Philadelphia die legendären "Live-Aid"-Konzerte auf die Bühne brachte. 120 Millionen Dollar kamen damals zusammen - gegen den Hunger in Afrika. Geldof war zehn Jahre lang mit der TV-Moderatorin Paula Yates verheiratet. Nach der Scheidung 1996 stritt er leidenschaftlich vor Gericht um das Sorgerecht für seine Töchter.


Interview: Stefanie Flamm und Kai Müller

Mister Geldof, Sie haben 1987 im Alter von 33 Jahren Ihre Autobiografie geschrieben. Denken Sie manchmal an eine Fortsetzung?

Ich könnte natürlich einen zweiten Teil schreiben, aber es wäre dann keine Autobiografie mehr, eher ein Tagebuch, das meinem episodischen Leben besser entsprechen würde. Wegen des endlosen Geredes um meine Person würde es sich wahrscheinlich sogar sehr gut verkaufen. Der Tratschfaktor wäre immens.

Ihre Frau, Paula Yates, hat Sie 1996 wegen Michael Hutchence, dem Sänger von INXS verlassen. Sie starb später an einer Überdosis.

Wissen Sie, beim ersten Buch brauchte ich schlicht Geld. Ich hatte mit Band-Aid und Live-Aid ja keinen Penny verdient und "Is that it?" war eine gute Gelegenheit, meine Schulden zu bezahlen.

Warum also kein zweites Buch?

Es würde zu viel Menschen verletzen, vor allem meine Kinder. Außerdem ist es verdammt langweilig, Bücher zu schreiben. Das erste habe ich in zwölf Wochen geschafft. Es gehört mittlerweile zur Pflichtlektüre für Studenten in Oxford und Cambridge. Shakespeare, Goethe, Geldof!

Es soll wie eine Therapie für Sie gewesen sein.

Das kann man wahrscheinlich von jeder Autobiografie sagen. Auch von jeder Musik. Alle Platten, die ich gemacht habe, sind destillierte Lebenserfahrung. Irgendwann filtert das Unterbewusstsein die Erlebnisse, und es wird Musik daraus oder eben ein Buch.

Ihre Ex-Frau gab Ihnen die Schuld an Michael Hutchence' Tod, weil Sie der Letzte waren, der mit ihm telefoniert hat. Kann man so etwas je verwinden?

Es war damals einfach alles zu viel für mich. Viel zu viel. Dieser amorphe, alles überwältigende Schmerz, der große Verlust, die Trauer. Ich fand keinen Ausweg. Erst mit "Sex, Age & Death"…

…Ihrer letzten Platte…

…bekam ich ein Gefühl dafür, wo der Schmerz enden könnte. Aber er geht nie weg.

Nach Ihrer Scheidung haben Sie vor Gericht Ihre Rolle als Vater verteidigt. Sie wollten die Kinder behalten. Gehört das Vatersein zu Ihrem Lebenskonzept?

Wie alle Väter liebe ich meine Kinder sehr. Sie sind zentral in meinem Leben. Ich habe einfach nicht verstanden, warum ich meine drei Töchter verlieren musste, nur weil Paula nicht mehr verliebt in mich war. Warum durfte ich sie nur zwei Mal in der Woche für vier Stunden sehen. Es gibt keine wissenschaftlichen Beweise für einen Mutterinstinkt. Ein Mann reagiert selbst auf die Geburt seiner Kinder wie die Mutter: Das Herz klopft, die Augen rollen. Aber wenn die Frau abhaut, nimmt sie die Kinder mit.

Warum ging es genau in Ihrem Prozess?

Ich habe darum gestritten, dass meine Kinder genauso viel Zeit bei mir verbringen wie bei der Mutter. Das war alles.

Mussten Sie Ihr Privatleben danach neu organisieren?

Ich musste mein ganzes Leben neu organisieren. Aber ich denke, es wird bald die Norm sein, dass Kinder nach der Scheidung die Hälfte der Zeit mit jedem Elternteil verbringen. Die Frauen arbeiten heutzutage, und es ist auch praktisch für sie. Ich möchte das Gesetz ändern, und ich werde das Gesetz ändern. Ich habe einmal in einer Talkshow darüber gesprochen und 17 Wäschekörbe voller Post bekommen. Das ist mehr als bei allen Dingen, die ich vorher gemacht habe - seien es die "Boomtown Rats", Hitrecords, Live-Aid oder Band-Aid.

Wer hat Ihnen geschrieben?

Väter und die Großeltern. Das wird ja häufig übersehen: Nach einer Scheidung verlieren auch die Eltern des Vaters ihre Enkelkinder. Es ist schrecklich. Obwohl der Feminismus seit den 70er Jahren propagiert, dass Sprache sexuelle Gewalt transportiert, spricht niemand von männerfeindlichen Aspekten der englischen Sprache: Das Wort "Mutter" ist noch immer mit dem ganzen Universum von Gebären und Nähren behaftet. "Vater" hat eine ganz andere Bedeutung. "I fathered her", heißt einfach, ich hab' sie geknallt und mit dem Kind sitzen lassen. Seit Frauen finanziell unabhängig sind und sich durch die Pille auch biologisch emanzipiert haben, hat sich ihre Lage sehr verbessert.

Die der Männer hingegen?

Sie wissen gar nicht, wie viele Väter sich am Vatertag umbringen, weil sie ihre Kinder nicht sehen dürfen. In der öffentlichen Wahrnehmung werden Väter als Gewalttäter dämonisiert. Als australische Sozialarbeiter kürzlich gefragt wurden, wie viele Männer ihre Kinder missbrauchen, sagten sie 25 Prozent. Tatsächlich sind es 0,2 Prozent. 86 Prozent aller Kindesmisshandlungen werden von Frauen begangen. Das ist ja auch logisch. Die Kinder sind ja meistens bei den Müttern.

Wer Sie 1982 in Alan Parkers Film "The Wall" gesehen hat, hätte wahrscheinlich nie gedacht, dass der Rockstar Geldof ein so engagierter Vater werden würde.

"The Wall" ist ein schrecklicher Film.

Wie bitte?

Schon das Album von Pink Floyd fand ich saublöd. Roger Waters Idee, dass der Personenkult in der Popkultur einen faschistoiden Mechanismus entfaltet, habe ich nie geteilt. Ich fand, dass Waters…

…der Bandgründer von Pink Floyd…

…mit dieser Platte nur sein schlechtes Gewissen beruhigen wollte. Ich wollte die Rolle zuerst auch gar nicht spielen. Mit dem Bombast von Pink Floyd verband mich nichts. Ich war Punk, die Songs der "Boomtown Rats" dauerten höchstens vier Minuten. Als ich zu meinem ersten Treffen mit Regisseur Alan Parker fuhr, habe ich das meinem Agenten auch deutlich zu verstehen gegeben. Wir saßen in einem Taxi, und ich sagte: Wenn ich ihm eine Seite des Drehbuchs vorlesen könne, ohne dass er lachen müsse, würde ich es mir überlegen. Natürlich hat er sich bald kaputt gelacht.

Trotzdem haben Sie die Rolle angenommen.

Alan Parker winkte nur ab, als ich ihm und Roger Waters meine Bedenken mitteile. Ja, Bob, sagte er, wir wissen, dass du von dem Stoff nichts hältst. Rogers Bruder hat es uns erzählt. Das müssen Sie sich einmal vorstellen. Rogers Bruder war der Taxifahrer. Ich konnte es gar nicht fassen. Der Millionär Roger Waters lässt seinen Bruder Taxi fahren! Er hat mich weich geklopft.

Sie haben sich einmal als jemanden beschrieben, der "im Herzen von Nirgendwo" lebt.

Meine Mutter starb, als ich sechs Jahre alt war. Ich habe mich selber erzogen. Deshalb sehe ich manchmal auch ein bisschen abgehangen aus. Ein Junge, dessen Vater als Handlungsreisender in ganz Irland unterwegs ist, um Handtücher zu verkaufen, lernt nicht, seine Hemden zu bügeln.

Und Ihre Töchter?

Naja, Trixibelle, Peaches, Pixie und Tiger sehen auch ziemlich unordentlich aus, jede auf ihre Art. Vielleicht ist das erblich.

Sind Sie ein verständnisvoller Vater?

Ich hoffe das. Aber ob ich ein guter Vater bin, weiß ich natürlich nicht. Alle Erwachsenen versuchen, ihr Bestes zu geben. Wenn die Kinder selbst erwachsen sind, sagen sie: Scheißeltern, lasst uns doch in Ruhe. Ich bin mir fast sicher, dass eine meiner vier Töchter irgendwann ein Buch schreiben wird, in dem es heißt, ich sei sehr streng gewesen und hätte ständig herumgebrüllt.

Sind Sie sehr streng?

Ja. Ich achte darauf, dass meine Töchter ihre Hausaufgaben machen und zu einer bestimmten Zeit im Bett sind. Die 20-Jährige kann natürlich nach Hause kommen, wann sie will, aber sie muss ihr Zimmer in Ordnung halten. Manchmal sagt sie zwar, das sei doch ihr Zimmer. Aber dann sage ich: Es ist mein Haus. Wir unterhalten uns nicht wie zwei Erwachsene. Ich bin immer der Vater. Für die Jüngeren ist es manchmal schwierig mit mir. Wir leben in einer völlig durchsexualisierten Gesellschaft, und man muss ihnen erklären, warum es Regeln gibt.

Das heißt, Sie haben Ihre Töchter aufgeklärt?

Ja, und ich war sehr direkt. Natürlich wollten Sie nicht mit mir reden. Hör auf, Papa, haben sie gesagt, wir wissen Bescheid. Aber sie wissen natürlich nichts. Hört zu, hab' ich dann gesagt, ich bin euer Vater und ich bin ein Mann, und dieser Mann, der euer Vater ist, war 27 Jahre in einer Rock 'n' Roll-Band, und alles, was ihr euch vorstellen könnt oder auch nicht vorstellen könnt, ich habe es gemacht.

Auch das wollten sie wahrscheinlich gar nicht so genau wissen.

Nein, aber sie konnten sich eben auch nicht vorstellen, was in einem 16 Jahre alten Jungen vorgeht. Ich habe ihnen gesagt, ihr müsst warten, bis ihr euch sicher seid, sonst fühlt ihr euch hinterher schrecklich.

Stellen Ihre Töchter Ihnen jetzt ihre Freunde vor?

Natürlich, und die sind wirklich süß und schütteln mir ganz altmodisch die Hand. Abends um neun Uhr werfe ich sie dann raus. Auch die Älteste darf keinen Mann über Nacht mit nach Hause bringen. Ich will das nicht, wegen der Kleinen. Es ist wie überall. Früher, habe ich ihnen abends Geschichten erzählt.

Auch die Geschichte von dem Musiker, der auszog, die Welt zu retten, und dann mit dem Diktator von Burkina Faso auf der Terrasse Bob-Marley-Songs improvisierte?

Meine Geschichte muss ich Ihnen nicht erzählen, die lernen sie in der Schule. Es ist manchmal wirklich peinlich. Die 14-Jährige hat gerade meine Autobiografie gelesen. Sie war nicht begeistert. Du bist doch krank, hat sie gesagt. Du hast sogar Drogen genommen.

Sie haben einmal gesagt, dass Rockstars davon träumen, reich, berühmt und von allen gevögelt zu werden. Würden Sie heute sagen, das ist es wert?

Ein Rockstar träumt nicht von diesen Dingen, ein Rockstar hat diese Dinge. Als ich das gesagt habe, war ich sehr arm, und glauben Sie mir, Geld zu haben, macht vieles einfacher. Ich lebte im katholischen Irland. Wie sollte ich sonst an Mädchen herankommen?

Haben Sie sich damals wie ein Rebell gefühlt?

Nein, nie. Aber Punk war extrem wichtig. Wir waren sehr jung und Rock 'n' Roll war unser Leben, diese leidenschaftliche, fast religiöse Musik, die gleichzeitig politisch war und einen sexy Beat hatte. Wir haben die Platten von Bob Marley und den Stones nachgespielt, nur viel schneller. So hat alles angefangen. Mit den "Boomtown Rats" wurden wir Teil des Zeitgeistes.

"I Don't Like Mondays" hört wahrscheinlich sogar noch die Generation Ihrer Töchter.

In den 70er und 80er Jahren gab es in London, New York, vielleicht auch in Berlin Kids, die ähnliche Sachen machten. Wir gehörten zum Zeitgeist und wussten es nicht.

Die "Boomtown Rats" verstanden sich als Punk-Band?

Punk war eine sehr britische Erscheinung. In Irland lief das anders. In diesem ländlichen Hinterzimmer Europas herrschte in den 70er Jahren noch immer die klaustrophobe Atmosphäre der Nachkriegszeit. Die Arbeitslosigkeit war immens, die Kirche und die Regierung kümmerten sich um nichts. Meine Band verlangte ein neues Irland. Die erste Zeile, die ich geschrieben habe, lautete: "The world owes me a living", Die Welt schuldet mir ein Leben. Bei Johnny Rotten…

…dem Sänger der "Sex Pistols"…

…hörte sich das so an: "No future for you. No future for you." Die "Sex Pistols" waren Nihilisten. Sie lehnten alles ab, wollten bewusst eine Leere schaffen. Ihr Motto lautete: Wenn die Autoritäten dich reinlegen, reiß sie ein, zerstöre ihre Symbole und Ikonen. Heute glaube ich, dass sie eine proto-thatcheristische Bewegung waren. Sie machten das Individuum stark und wandten sich gegen alle Kollektive, gegen den Konsens der Nachkriegsgesellschaft, die in Deutschland ja immer noch existiert. Aber so geht das ja nicht weiter bei Ihnen.

Die Mode dieses Sommers zitiert den Punk ganz offensiv. Doch glauben Sie, dass es jemals wieder so etwas wie eine ernst gemeinte Punkbewegung geben könnte?

Irgendetwas wird passieren. Irgendjemand muss der Frustration doch Ausdruck verleihen. In Deutschland leben Kinder, die der Staat ausgebildet hat, die aber niemand braucht. Auch sie haben "no future". Das Versprechen ist gebrochen.

Aber auch Punk und New Wave haben zu ihrer Zeit die Welt nicht verändert.

Es ist nicht die Aufgabe von Künstlern, die Welt zu verändern. Ihre Aufgabe besteht darin, ein Kunstwerk zu schaffen, und gute Kunst hat nun einmal etwas mit dem Zeitgeist zu tun.

Sie persönlich haben die größte Aufmerksamkeit dann aber nicht als Musiker, sondern als der Organisator von Band-Aid und Live-Aid erzielt. Ärgert Sie das manchmal?

Es ging bei Live-Aid sehr wohl um Musik. Musik hat eine allgemeine Sprache, sie ist global, jeder versteht sie, sie transzendiert nationale Grenzen. Nur so konnten wir ein großes politisches Thema ansprechen. Wir haben 120 Millionen Dollar eingenommen und Afrika auf die Agenda gebracht.

Sie waren vor wenigen Wochen wieder in Äthiopien. Was hat sich seitdem verändert?

Hunger, Korruption und Überschuldung sind immer noch die Geißeln Afrikas. Aber mit Aids haben wir ein neues, gravierendes Problem, das auch dringend auf die Tagesordnung muss.

Durch eine Neuauflage von "Live-Aid"?

Ich denke eher an einen Marshall-Plan für Afrika wie nach dem Zweiten Weltkrieg für Europa. Wie man weiß, hat der sich für die USA wirtschaftlich wieder ausgezahlt. Europa wurde ein stabiler Handelspartner.

Denken Sie manchmal, dass es ein Fehler war, mit der Musik in die Politik zu gehen?

Für mich persönlich? Naja, ein Fehler würde ich nicht sagen. Mit den "Boomtown Rats" war es damals ohnehin vorbei. Doch es stimmt natürlich: Wenn man als Musiker den engen Kreis der Musikszene verlässt, verliert man seine Glaubwürdigkeit. Ich bin so eine Art Bruder Teresa geworden. Millionen Menschen hatten emotional oder finanziell an dem Live-Aid teilgenommen, selbst die alten Damen auf der Straße erkannten mich. Das Problem war nur: Kein Mensch kauft eine Platte von Mutter Teresa. Mittlerweile können mir die Leute, die mich nur durch Live-Aid kennen, gestohlen bleiben. Solange ich Platten mache, die mir und den Kritikern gefallen, bin ich zufrieden.

An Ihrem letzten Album "Sex, Age & Death" haben Sie acht Jahre gearbeitet.

Ich habe mir nie eine Deadline gesetzt. Man kann unter Druck keine Songs schreiben. Als ich Mitte der 90er Jahre mit diesem Album anfing, befand ich mich in einer Lebensphase, wo es nur noch darum ging, dass meine Kinder und ich den Tod ihrer Mutter verwinden. Meine Frau war Anmut, Licht, Freude. Mit ihr ist alle Schönheit aus meinem Leben verschwunden. Ich war vollkommen leer, und so hat es eben acht Jahre gedauert, bis ich wieder Musik machen konnte. Heute liebe ich "Sex, Age & Death". Und es tut mir weh, dass Paula sie nicht mehr hören kann. Wir hatten früher unser eigenes Release-Ritual: Ich habe ihr mein neues Album immer in einer Kassettenversion im Auto vorgespielt. Zu Hause habe ich es nie mehr gehört.

Könnten Sie sich mittlerweile vorstellen, noch einmal zu heiraten?

Niemals. Ich möchte auch keine Kinder mehr. Ich habe vier Töchter. Die Vorstellung, dass sie mir noch einmal genommen werden könnten, ist zu schrecklich. Aber ich bin nicht verbittert. Es ist eine sehr rationale Entscheidung.

15.06.2003
SPIEGELINTERVIEW MIT BOB GELDOF
(Quelle: Spiegel Online)

"Das Hässliche hinterlässt Spuren"

Der irische Musiker Bob Geldof spricht im Interview über Depressionen nach dem Ende seiner Ehe, seinen politischen Kampf für die Ärmsten der Welt und sein neues Album "Sex, Age & Death".

Popstar Geldof: "Nur Musik nimmt mich ganz gefangen"

SPIEGEL: Mr. Geldof, nach privaten Schicksalsschlägen, die in aller Öffentlichkeit verhandelt wurden, und vielen Jahren musikalischer Pause haben Sie nun ein Album herausgebracht, das schon im Titel von den ganz großen Dingen des Lebens zu erzählen verspricht - von Sex, Alter und Tod. Handelt es sich um eine Art philosophisches Grundsatzbekenntnis?

Geldof: Ich habe lange gebraucht, um diese Platte zu machen, weil ich sie erst leben musste. Ich verstand nicht, was in den vergangenen paar Jahren passiert war. Dies war der Beginn des Verstehens.

SPIEGEL: Damals verließ Sie Ihre Frau Paula Yates für den INXS-Sänger Michael Hutchence; beide kamen später zu Tode, Hutchence 1997 unter nie ganz geklärten Umständen, Paula Yates starb 2000 an einer Überdosis Drogen. Dieses Trauma arbeiten Sie mit Ihrer Platte ab?

Geldof: Es ging um alles, was damit zu tun hatte. Dies war nur der letzte Akt einer schrecklichen, fast Shakespeareschen Tragödie. Tatsächlich war das Album fertig, bevor Paula starb. Die Platte hat nichts mit Katharsis zu tun. Trotzdem ist es bis heute sehr belastend für mich, sie anzuhören.

SPIEGEL: Wann haben Sie angefangen, an "Sex, Age & Death" zu arbeiten?

Geldof: Ich weiß, es klingt seltsam, aber ich habe keine Ahnung. Als meine Frau mich 1995 verlassen hat, bin ich völlig zusammengebrochen. Zwei, drei Jahre lang war ich außer Funktion.

SPIEGEL: Litten Sie unter Depressionen?

Geldof: Das war mehr als Depression. Jeder hat ähnliche Geschichten zu erzählen, wie er mal verlassen wurde. Aber meine Erfahrung, denke ich, war extrem. Dazu kam, dass dieses Drama wie geschaffen war für die britischen Boulevardzeitungen: Alle, die darin eine Rolle hatten, waren prominent.

SPIEGEL: Hat das öffentliche Interesse an Ihrem Unglück Ihnen nicht wenigstens das Gefühl beschert, nicht völlig allein zu sein?

Geldof: In Wahrheit ist man ganz besonders allein. Wie ein Objekt unter dem Mikroskop. Aber ich war mit viel simpleren Dingen beschäftigt: Ich existierte nur. Ich musste mich daran erinnern einzuatmen, auszuatmen und wieder einzuatmen. Ich war wie entmannt und ausgeweidet. In dieser Situation hat man nur eine schmale Bandbreite von Gefühlen zur Verfügung.

SPIEGEL: Konnten Sie in dieser Zeit arbeiten? Sie waren damals neben Ihrem Musikerjob immerhin Miteigentümer der Fernseh- Produktionsfirma Planet 24, die Shows wie "The Big Breakfast" produzierte.

Geldof: Nein. Ich wollte mich in einen möglichst weit entfernten Winkel unserer Erde zurückziehen und dort die graue Leere an- heulen. Aber das ist nicht möglich, wenn man drei Kinder hat.

SPIEGEL: Und das hielt Sie auch vom Gedanken an Selbstmord ab?

Geldof: Ich fand Suizid immer erbärmlich. Bis zu jenem Morgen, als ich aufwachte und mein Gesicht nass war, weil ich wieder im Schlaf geweint hatte. Und mir nicht mehr vorstellen konnte, diesen Zustand noch länger zu ertragen. Meine Freunde haben ge- sagt: Glaub mir, das geht vorbei. Aber wann? Man kann sich Zeit nicht mehr vorstellen, und es sind Jahre, um die es geht. Ich habe mich dann hingesetzt und eine Liste von Gründen gemacht, derentwegen es sich lohnt zu leben - oder zu sterben. Als ich alles zusammenaddiert habe, kam heraus, dass ich mich nicht mehr so fühlen wollte. Es war, dachte ich, eine rationale, gut über- legte Entscheidung. In dem Moment wurde mir klar, dass ich mich auf sehr gefährlichem Gebiet bewegte.

SPIEGEL: Haben Sie damals allein gelebt?

Geldof: Nein. Meine Freunde Howard und Pete, mit dem ich bei den Boomtown Rats zusammengespielt hatte, zogen zu mir. Es war wirklich eine seltsame Erfahrung, wie Männer sich in so einer Situation unterstützen: Wir saßen zusammen herum und haben gemeinsam geschwiegen. Es war bizarr, aber beruhigend. Howard hat sich um mich gekümmert, und Pete arbeitete im Keller an seiner Musik. Zunächst brauchte ich keine Musik und wollte noch nicht mal welche hören. Aber dann drangen Klangfetzen in meinen Kopf. Irgendwann habe ich mir die Gitarre genommen und plonk, plonk, die Bass-Saite gezupft.

SPIEGEL: Haben Sie das Gefühl, dass Sie die Sache heute endgültig hinter sich haben?

Geldof: Man könnte es so beschreiben: Man nimmt den Schmerzklumpen aus dem Kopf, untersucht ihn und sagt zu sich selbst: So siehst du aus, ich kenne dich, du Scheißding - und räumt ihn wieder zurück. Bis zum nächsten Mal. Nach und nach kommen die eigenen Fähigkeiten zurück. Als Erstes war ich in der Lage, mich um Geschäftliches zu kümmern. Weil es da nicht um Gefühle ging. Irgendwann hatte ich wieder Zugang zur Welt der Kreativität.

SPIEGEL: Hatten Ihre Freunde doch Recht mit dem Trost, die Zeit heile alle Wunden?

Geldof: Nein. Man kann versuchen, den Schmerz zu be- graben. Aber die Zeit heilt nicht. Sie hilft nur, sich auf ihn einzustellen. Und wenn er sich doch wieder ins Bewusstsein vorgearbeitet hat, kann man ihn in einer Ecke des Gehirns parken. Er ist immer dort, immer anwesend, aber er steht in einem Zusammenhang. Man lernt mit ihm zu leben, mehr nicht.

SPIEGEL: Ihr Album ist ein Jahr nach dem Tod von Paula Yates erschienen. Hätten Sie es auch veröffentlicht, wenn sie noch leben würde?

Geldof: Ja. Ich hätte es schön gefunden, wenn sie es gehört hätte. Und sie dachte, dass ich ein guter Musiker bin. Ich glaube, dass ihr die Platte gefallen hätte.

SPIEGEL: Was haben Ihre Töchter zu den Texten gesagt, in denen Sie recht offen über deren Mutter Paula Yates schreiben?

Geldof: Die denken sowieso, dass meine Musik schrecklich ist. Auf die Texte achten sie erst gar nicht. Und selbst wenn die Lieder ihnen gefielen, würden sie das nie zugeben. Die hören lieber Eminem, Britney Spears oder so etwas. Im Übrigen muss ich sagen: Ich erwarte gar nicht, dass die Leute "Sex, Age & Death" so genau anhören. Fürs Radio ist es nicht sehr gut geeignet. Es gibt keinen Titel, der sich zur Single eignen würde. Na und?

SPIEGEL: Das klingt nicht nach dem Geschäftsmann Geldof.

Geldof: Ich bin Musiker. Business ist nur eine Fähigkeit. Ich verfüge über sie, also nutze ich sie. Musik ist das Einzige, was mich ganz gefangen nimmt: emotional, psychisch, intellektuell, geistig, physisch. Ich bin auch kein echter Geschäftsmann. Ich habe Ideen, die ich umsetzen will. Und wenn die Sache läuft, wie damals mit der TV-Firma Planet 24, dann wird sie mir langweilig. Ich habe Planet 24 inzwischen verkauft.

SPIEGEL: Heute sind Sie mit Ihrer Firma Ten Alps in Fernsehen, Radio, Werbung und Event-Planung engagiert. Gehen Sie wie ein ordentlicher Firmenchef jeden Tag ins Büro?

Geldof: Nein, ich gehe nie ins Büro. Da wird dann alles zu kompliziert. Ich bin zu Hause, den Telefonhörer zwischen Ohr und Schulter geklemmt, und spiele auf der Gitarre herum. Mit einem Ohr lausche ich der Unterhaltung, mit dem anderen der Gitarre. Wenn mir gefällt, was ich spiele, wiederhole ich es so lange, bis das Gespräch vorbei ist. Meine Konferenzen halte ich alle in einem Café in der King's Road ab. Ich habe keine E-Mail, keinen Anrufbeantworter und keine Sekretärin. Meine Aufgabe ist es, Einfälle zu haben und Kontakte herzustellen.

SPIEGEL: Finden Sie noch Zeit, sich für Afrika und Ihr Hilfsprojekt Band Aid zu engagieren?

Geldof: Ich arbeite seit 17 Jahren für Afrika, ich bin Vorsitzender des Band Aid Trusts. Und ich engagiere mich für die "Drop the Debt"-Kampagne, in der es um den Schuldenerlass für die ärmsten Länder der Welt geht.

SPIEGEL: Dafür trafen Sie und Bono dieses Jahr beim G-8-Gipfel in Genua den britischen Premier Tony Blair und den deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder. Konnten Sie die beiden überzeugen?

Geldof: Die Sache ging sehr schnell über die Bühne. Bono und ich sind die Laurel und Hardy der Dritte-Welt-Schulden. Wenn er spricht, ist er sehr salbungsvoll. Und unglücklicherweise bin ich sehr direkt. Leute wie Blair, Bill Clinton, George W. Bush, Schröder sind mehr oder weniger aus der gleichen Generation, wir haben den gleichen kulturellen Hintergrund. Das Problem liegt darin, das System zu verändern. Und diese Politiker sind Sprachrohre des Systems. Trotzdem gibt es jetzt den Willen, etwas zu verändern. Vor allem nach Afghanistan. Aber es gibt immer wieder Entschuldigungen, wie zum Beispiel, dass der Internationale Währungsfonds praktisch pleite sei.

SPIEGEL: Und was antworten Sie dann?

Geldof: Dass 800 Millionen Dollar Schuldenerlass pro Jahr, die beim G-8-Gipfeltreffen 1999 in Köln gewährt wurden, nicht genug sind. Diese Dritte-Welt-Länder brauchen 3 Milliarden Dollar, um die Möglichkeit zu haben, sich zu entwickeln. Tatsache ist doch: Diese Staaten können ihre Zinsen nicht bezahlen. Es geht nicht. Und diese einfache Tatsache muss man zur Kenntnis nehmen. In diesen Ländern wird für die Zinsen mehr bezahlt als für das Gesundheitssystem. Und das in Zeiten der Aids-Pandemie in Afrika. Das ist lächerlich. Wir brauchen dieses Geld nicht. Wir sind die reichsten Staaten dieses Planeten. Das ist ökonomischer Schwachsinn.

SPIEGEL: Die Logik der Banker lautet: Wer seine Kredite nicht abbezahlt, bekommt kein weiteres Geld.

Geldof: Das ist Unsinn. Von allen Ländern sollte Deutschland das am besten wissen. Was passierte denn nach dem Versailler Vertrag von 1919? Was war mit den Reparations- zahlungen nach dem Zweiten Weltkrieg? Und die Bedingungen, die heute den ärmsten Entwicklungsländern aufgezwungen werden, sind schlimmer als jene, die der Versailler Vertrag vorsah. Die Sache ist doch so: Wenn es in diesen Staaten keine Ausbildung für die Menschen gibt, kein Gesundheitssystem und nicht genug zu essen, dann ist das die Basis für eine reiche, korrupte Elite, die das Volk ausbeutet.

SPIEGEL: Werden Sie also wieder Wohltätigkeitsspektakel organisieren wie 1985, als bei zwei parallelen Konzerten in London und Philadelphia Stars wie Paul McCartney, Bob Dylan, Elton John auftraten? Damals haben Sie immerhin rund 200 Millionen Mark gesammelt.

Geldof: Für mich war das keine Wohltätigkeits- veranstaltung. Bei Live Aid ging es darum, eine politische Lobby zu schaffen, die ein Thema, das ganz unten auf der Agenda stand, an Punkt eins setzt. Der mögliche Tod von 13 Millionen Menschen in Afrika damals war obszön. Es ist intellektuell absurd und moralisch grotesk, dass in einer Welt des Überflusses Menschen am Mangel sterben. Geld war die physische Manifestation dieser Lobby. Das Ereignis wurde von etwa 1,7 Milliarden Menschen gesehen. Ein Ergebnis davon war, dass ich ins Weiße Haus, in die Downing Street und den Elysée-Palast gehen konnte. Wir haben mitgeholfen, 37 Gesetze zu ändern. Das hat einen wirklichen positiven Langzeiteffekt. Natürlich ging das ganze Geld an jene, die es brauchten. Individuen sind monströsen, menschlichen Ereignissen nicht hilflos ausgeliefert. Wenn man mit Argumenten, Vernunft, Logik arbeitet, kann man die Dinge verändern.

SPIEGEL: Waren Ihnen die Dimensionen dieses Ereignisses damals bewusst?

Geldof: Bevor ich bei Live Aid auf die Bühne ging, hatte ich viele Monate damit verbracht, das Ereignis zu organisieren. Und dann war ich plötzlich wieder ein Musiker, auf der Bühne mit den Boomtown Rats im Wembley-Stadion. Der Lärm war absolut unglaublich. Ich zog meine Jeansjacke aus und dachte nur: "Verdammte Scheiße!" Wir fingen an, wir spielten "I Don't Like Mondays", und ich hatte schon die Zeile im Kopf, die ich als Nächstes singen musste: "The lesson today is how to die." Und es traf mich wie ein Schlag, dass die Worte an diesem Tag plötzlich eine komplett andere Bedeutung hatten als ursprünglich beabsichtigt. Ich hatte in diesem Moment den rechten Arm in der Luft, und ich hielt einfach inne. Die Dinge, die in meinem Kopf unklar waren, wurden klar, der dauernde innere Bürgerkrieg stoppte. Es war ein Moment tiefer Stille, wie ich ihn vorher nie erlebt hatte. Ich dachte, dass es mir immer um die Verbindung von Musik und Politik gegangen war, und nun verstand ich, dass alles auf diesen Tag hingeführt hatte. Und dann musste ich diesen Moment loslassen.

SPIEGEL: Ist es richtig, dass Sie durch ihr jahrelanges Engagement für die Ärmsten dieser Welt irgendwann selbst pleite waren?

Geldof: Ja, weil ich von 1984 bis 1987 nur für Live Aid gearbeitet habe, natürlich ohne Gehalt. Wir wollten, dass jeder gespendete Penny in Afrika ankommt. Ich habe von zu Hause aus telefoniert, und leider waren nicht alle Flüge von den Airlines gesponsert. Aber ich hatte eine Familie, die ich ernähren musste. Weil mir ein großer Vorschuss angeboten wurde, habe ich das Angebot angenommen, meine Autobiografie zu schreiben. Es ist eben ein dauerndes Auf und Ab: reich, pleite, reich. So war es immer, und zwar nicht nur, wenn es ums Geld ging. Mir scheint mein Leben sehr extrem, sehr episodenhaft zu sein. Wie eine Seifenoper. Es ist ein sehr ermüdendes Leben.

SPIEGEL: Glauben Sie, das ist Schicksal? Oder liegt es an Ihnen?

Geldof: Ich habe keine Ahnung. Mein Lehrer fragte mich, als ich wieder eine Prüfung verpatzt hatte, was ich eigentlich mal sein wollte. Ich antwortete: Ich möchte von Schönheit umgeben sein.

SPIEGEL: Wie reagierte Ihr Lehrer darauf?

Geldof: Er sagte: Mit diesen Noten schaffst du das nie.

SPIEGEL: Er hatte Unrecht.

Geldof: Vielleicht. Aber es ist das Hässliche, was Spuren hinterlässt.

SPIEGEL: Mr. Geldof, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Interview führten die SPIEGEL-Redakteure Stefan Aust und Marianne Wellershoff sowie der Mitarbeiter Christoph Dallach.
Montagshasser - Tourankündigung in musix
(Quelle: musix das konzertmagazin 10/02)

Montagshasser
BOB GELDOF
Wer schon jemals am Morgen des ersten
Wochentags aus dem Bett in die Latschen, in
die mal wieder die Katze geschissen hat,
gestiegen ist und sich anschließend an der
Badezimmertür die Birne angestoßen hat, nur
um später mal wieder einen grausamen Tag
im Büro zu erleben, kennt und liebt dieses
Lied und diesen Künstler. Der Song: " I Don`t
Like Mondays", der Artist "Bob Geldof".


Natürlich reicht der Boomtown Rats - Klassiker "I Don`t
Like Mondays" nicht aus, um das reichhaltige
Schaffen von Sir Bob Geldof umfassend zu begreifen, ist aber
zumindest ein guter Ausgangspunkt.
Hat man erst mal die Montags-Hasser-
Hymne verinnerlicht, die nebenbei eine
wirklich brilliante Melodie hat, kann man
sich getrost Geldofs weiteren
Betätigungsfeldern nähern, die da
wären Punk, Rock, Folk und sogar ein
bisschen Gothik. Die aktuelle CD "Sex,
Age & Death" des großen Musikers und
Humanisten ist tatsächlich überwiegend
düster geworden. Das Leben ist nun
mal nicht immer Eitel-Sonnenschein
und Geldofs Musik ist halt voll aus dem
Leben gegriffen... Die Tour startet an
einem Feiertag und nicht an einem
Montag, man kann also getrost hinge-
hen und einem wirklichen Ausnahme-
künstler aus Fleisch und Blut mit
immenser Lebens- und Musikerfahrung
die Aufwartung machen.

31.10.-5.11.02
A.S.S. Concert & Promotion


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