live aid - der große tag
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13. Juli 1985

"And the lesson today is how to die. Die Worte hingen in der Luft. Ich stand stocksteif da, die Hand hoch erhoben, die Faust unbewußt zum Gruß geballt. Vor mir standen 80 000 Menschen. Unsichtbar irgendwo hinter ihnen hatte sich uns eine weitere Milliarde von Menschen auf der ganzen Welt angeschlossen. Wir hielten alle den Atem an. Es gibt so geläufige Redensarten. Wenn wir Hunger haben, sagen wir, ohne nachzudenken, dass wir vor Hunger sterben. Sind wir glücklich, erklären wir automatisch, es müsse der großartigste Augenblick unseres Lebens sein. Aber es gibt Zeiten, in denen die Klischees zu Fleisch und Blut werden. Überall in Afrika verhungerten jetzt Menschen. Und für mich waren in diesem besonderen Moment all die Wege und Fragen eines ganzen Lebens zusammengeführt und -gefaßt in dieser einen emporgetreckten Faust.
[...]



Es war der 13. Juli 1985. Es war Live Aid.
Es muss in solch einem Augenblick einen Moment des Triumphes gegeben haben, aber so empfand ich es nicht an diesem Tag.
Ich brach "I Don't Like Mondays" mittendrin ab. Es war ein altes Stück, das eine neue Bedeutung gewonnen hatte. Etwas Besonderes geschah heute; es schien in diesem Augenblick eingefangen zu sein. Ich stand da und ließ meines Blick von einer Seite des Zuschauerraums zur anderen wandern, so als fixierte ich jeden einzelnen. Ich wollte mit ihnen allen direkten Kontakt haben und sie einbeziehen. Denk über die Sache heute nach. Denke über das, was wir hier tun, nach, denn in dieser Form wird es das vielleicht nie wieder geben. Meine Hand war immer noch voller Entschlossenheit hochgereckt. Persönlicher Ehrgeiz spielte hier keine Rolle. Eine weitere Binsenwahrheit hatte sich verwirklicht: In diesem Moment gab es keinen Unterschied zwischen dem Mann auf der Bühne und dem Publikum, nicht den geringsten. Wir alle waren nur Teil eines größeren Ganzen, alle bemüht, einander zu verstehen, und Teil von etwas, was himmelweit über die eigene Person hinausging. [...]
Heute ging es um die ganze gute, alte Erde.
Ich versuchte, in mir etwas Tieferes als bloße Eindrücke auszumachen. Ich versuchte, tief in mir dieses Gefühl wiederzufinden, auf das ich gestoßen war. Wegender tiefen Empfindung des Unrechts, die ich verspürt hatte, wollte ich das sichere Bewußtsein von der Richtigkeit unseres Handelns allen mitteilen. Ich hoffte, das Gefühl würde sich von selbst auch bei all jenen einstellen, die nicht gesehen hatten, was ich gesehen habe.

Ich lief durchs Publikum zur Bühne. Es war komisch, denn alles wirkte so ... kumpelhaft, man kann es nicht anders sagen. Alle beglückwünschten einen der klopften einem auf die Schultern und grinsten. 'Mach's gut, Bob.'Sie gaben mir Auftrieb. [...] Ich gab der Bühnencrew ein Zeichen, die Monitore aufzudrehen. Ich konnte es immer noch kaum hören, aber es gelang mir, die Tonlage aufzuschnappen, und stürzte mich optimistisch in den Song. Sobald ich begonnen hatte, fühlte ich mich als Herr der Lage. Die Schmerzen in meinem Rückgrat verschwanden.
Nach all diesen Wochen, nach all diesen Unwägbarkeiten war ich endlich da, wo ich hingehörte, und machte, was ich gerne tat. Als ich sang, verschwamm alles, was mich am Tag in Anspruch genommen hatte. Alles fiel von mir ab, außer dem Song, der, wie so viele an diesem Tag, neue Deutungsmöglichkeiten eröffnete. [...]

Dann kamen alle zum Finale heraus. Auf der Bühne herrschte ein enormes Gemeinscaftsgefühl. Es hatte an diesem Tag weder Rivalitäten noch Sticheleien, noch wilde Temperamentsausbrüche gen. Jetzt sangen alle gemeinsam. Sie hatten die Arme umeinander gelegt. Ich holte auch Harvey auf die Bühne und ließ ihn mitsingen. Elton weinte, alle weinten. Das waren keine billigen Showbiz-Tränchen, sondern echtes Gefühl. Unten in der Menge schluchzten die Fans. [...] Nun, die Welt sang mit. "Feed the World" explodierte in diesem Stadion und schoß buchstäblich um die ganze Welt. "All diese Satelliten da oben. All die Jahre seit Sputnik. Na, heute haben sie nicht nur Biep Biep gesagt." Es war ein Moment, der Millionen zum Leben erweckte. "Denk immer an diesen Tag", schrieb ich später.


Geehrt von Pete Townsend und Paul McCartney.



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